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Karl May


25.2.1842 geboren in Hohenstein-Ernstthal, gestorben 30.3.1912 in Radebeul bei Dresden.
Sohn eines armen Webers, war bis zum 5. Lebensjahr blind.
Als junger Volksschullehrer wurde er wegen Diebstahls entlassen; er verbrachte im ganzen 7 1/2 Jahre wegen Eigentumsvergehen und Betrügereien aus finanzieller Notlage im Gefängnis.
Erste schriftstellerische Arbeiten sind erzgebirgische Dorfgeschichten und Humoresken für Zeitschriften in Dresden, ferner Kolportageromane, die später gegen seinen Willen unter seinem Namen neu herausgebracht wurden und seinem Ruf sehr schadeten.
Rasch bekannt wurde er durch seine Reiseerzählungen, die hauptsächlich unter den Indianerstämmen Nordamerikas oder im Nahen Orient spielen. Er wählte später die Ich-Form, wodurch der Anschein des Selbsterlebten hervorgerufen wird (Idealgestalt Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi).
Möglicherweise hat May schon früh die Reise nach orientalischen Ländern unternommen, kaum aber nach Nordamerika; später mehrere Weltreisen.
Der Einfluß von Mays Abenteuerbüchern auf die Jugend wird verschieden, heute meist gedämpft positiv beurteilt.








Justi ist ein großer Karl May Fan,deshalb diese Extraseite für Karl May.
Fast sein komplettes Werk hab ich mir reingezogen.
Meist mit viel Spaß und Freude, aber manchmal auch mit Todesverachtung.
Ich mag ihn einfach !
...der von mir ausgesuchte Buchauszug stammt aus seiner Orienterzählung " Durch das Land der Skipetaren".
...zum besseren Verständnis kurz die Vorgeschichte:
Kara Ben Nemsi hat sich bei einem Kampf mit zwei Räubern den Fußknöchel verstaucht, sodaß er im nächsten Ort einen türkischen Arzt aufsuchen muß.
Exemplarisch wird hier seine große Kust aufgezeigt, spannend, kurzweilig, lustig und doch fast glaubhaft vor allem sich selbst darzustellen.
...einfach toll und witzig...






»Wenn das Kismet mir doch öfters diese Freude machen wollte, wenn es sich um solche Schurken handelt! Es gibt noch einige Andere, denen ich von Herzen gern die Wahl zwischen dreißig oder fünfzig lassen möchte. Hoffentlich begegne ich dem Einen oder Andern von ihnen zu guter Stunde.
Wie aber steht es mit Deinem Fuß, Sihdi?«
»Nicht zum Besten. Omar mag sehen, ob hier in der Stadt vielleicht Altschy zu bekommen ist und mir ungefähr fünf Eultschk davon bringen. Du aber holst ein Gefäß mit Wasser, in welches ich den Fuß stellen kann, und ziehst mir nachher den Strumpf herab.«
Jetzt kam auch der Korbflechter zurück und theilte mir mit, daß er lange gesucht habe, bis er den Doctor ›Marterstein‹ endlich fand. Dieser Herr sei eben außerordentlich beschäftigt, werde aber gleich kommen.
Ich dankte ihm für seine Mühe, schenkte ihm eine kleine Quantität Tabak und ließ ihn dann nach Hause gehen.
Halef brachte das Wasser. Als ich nun den angeschwollenen Fuß untersuchte, fand ich, daß eine Verrenkung vorhanden war, glücklicher Weise aber nur eine unvollkommene. Ich hätte mir das Gelenk auch wohl selbst einrichten können, aber ich wollte doch lieber den Arzt dabei haben. Ein Fehler hätte mich auf lange Zeit hier festhalten können. Einstweilen steckte ich den Fuß in das kalte Wasser.
Endlich kam der Arzt. Aber ich hätte ihn viel eher für einen chinesischen Briefträger als für einen europäischen Äsculap gehalten.
Er war von kleiner Statur und außerordentlich dick. Seine Wangen glänzten wie hübsche Weihnachtsäpfel. Seine kleinen, etwas schief liegenden Äuglein verriethen, daß die Wiege seines Geschlechtes von der Stange eines mongolischen Zeltes herabgehangen habe. Auf dem glatt geschorenen Haupt saß - weit nach hinten geschoben, so daß die Stirn frei wurde - ein alter, abgegriffener Fez, welcher an Stelle der Troddel mit einem Bündel rother, blauer und gelber Cigarrenbändchen geschmückt war. Sein kurzer Kaftan reichte ihm nur bis an das Knie, schien aber aus einer einzigen, ungeheuren Tasche zu bestehen; denn er war an allen Seiten, oben und unten, rechts und links, hinten und vorn, weit aufgebauscht. Er enthielt jedenfalls die wandernde Apotheke des Arztes.
Zum Überfluß hing diesem Heilkünstler noch ein ziemlich großer, viereckiger Korb an einem Riemen von der Schulter herab, jedenfalls das Etui seiner kostbaren Instrumente.
Er hatte dicke wollene Strümpfe mit doppelten Filzsohlen an, und mit diesen steckten die Füße dann in Pantoffeln, welche mit großen Zwecken beschlagen waren und zu derjenigen Sorte zu gehören schienen, die man sehr drastisch mit den Worten bezeichnet: »in zwei Schritten über den Rhein hinüber«.
Als er eintrat, schnallte er diese Pantoffeln von den Füßen und kam in den Strümpfen auf mich zu, eine Höflichkeit, die bei ihm chronisch geworden zu sein schien.
Da ich den Fuß im Wasserbad hatte, wußte er natürlich gleich, daß ich es sei, der seiner Hülfe bedürfe. Er machte mir eine Verneigung, bei welcher ihm der Korb nach vorn rutschte und es schien, als ob der Riemen ihn erwürgen wollte. Ich erwiederte diesen Gruß nach bestem Wissen und Können.
Jetzt nahm er den Korb herab, setzte ihn auf den Boden nieder und fragte:
»Sprichst Du gern viel?«
»Nein,« antwortete ich kurz.
»Ich auch nicht. Also kurze Fragen, kurze Antworten und schnell fertig!«
Eine solche Energie hatte ich dem Dicken gar nicht zugetraut. Mit ihr konnte er in Radowitsch freilich imponiren und gute Geschäfte machen.
Er stellte sich breitbeinig vor mich hin, betrachtete mich von oben bis unten und examinirte dann:
»Du bist doch der mit dem Fuß?«
»Nein, der mit zwei Füßen!«
»Was! Alle beide gebrochen?«
Er hatte meine Ironie nicht verstanden.
»Nur einen, den linken.«
»Doppelbruch?«
O wehe! Er sprach von Doppelbruch! Warum nicht gleich Decimalbruch! Übrigens war das seine Sache. Von mir konnte er nicht verlangen, zu wissen, wie es mit der Verletzung stand.
»Nur Verrenkung,« antwortete ich.
»Zunge heraus!«
Das war noch hübscher! Aber ich that ihm den Gefallen und zeigte sie ihm. Er betrachtete sie, befühlte sie, schob die Spitze hin und her, auf und ab und meinte dann kopfschüttelnd:
»Gefährliche Verrenkung!«
»Nein, nur unvollständig!«
»Still! Ich sehe es an der Zunge! Seit wann verrenkt?«
»Drei Stunden, höchstens vier.«
»Schon viel zu lange! Kann leicht Blutvergiftung eintreten!«
Fast hätte ich ihm in das Gesicht gelacht; aber ich beherrschte mich und wunderte mich nur darüber, daß das Wort ›Blutvergiftung‹ sich auch schon im Türkischen eingebürgert habe.
»Schmerz?« fragte er weiter.
»Zum Aushalten.«
»Appetit?«
»Stark und vielseitig.«
»Sehr gut, ganz gut! Werden's überstehen. Den Fuß zeigen!«
Er kauerte sich nieder. Da ihm das nicht recht bequem war, setzte er sich ganz neben das Wassergefäß, und ich legte ihm zutraulich den triefenden Fuß in den Schooß. Er betastete ihn erst leise und dann stärker mit den Fingerspitzen, nickte endlich und fragte mich:
»Schreist Du leicht?«
»Nein.«
»Sehr gut!«
Ein schneller Griff, ein kräftiger Ruck, ein leichtes Knirschen im Gelenk - dann sah er mich blinzelnd an und fragte:
»Nun, wie war's?«
»Allerliebst.«
»So sind wir fertig!« »Ganz?«
»Nein. Nun noch verbinden.« Als Chirurg war er jedenfalls ein ganz tüchtiges Kerlchen. Wer weiß, wie ein Anderer mich gequält hätte, nur um die Sache gefährlicher erscheinen zu lassen und ein besseres Honorar zu verdienen.
»Womit verbinden?« fragte ich.
»Mit Schienen. Wo ist Holz?«
»Mag ich nicht!«
»Warum nicht?«
»Taugt nichts.«
»Taugt nichts? Willst Du etwa silberne oder goldene Schienen mit Brillanten besetzt?«
»Nein, ich will einen Gypsverband.«
»Gyps? Bist Du toll? Mit Gyps schmiert man Wände und Mauern an, aber keine Beine!«
Hier lag seine schwache Seite. Ich befand mich eben in der Türkei.
»Und mit Gyps macht man auch prachtvolle Verbände,« behauptete ich.
»Möchte ich sehen!«
»Kannst's sehen. Habe nach Gyps geschickt.«
»Wie willst Du das machen?«
»Warte es ab!«
»Wenn Du aber keinen Gyps bekommst?«
»So mache ich den Verband aus Tschirisch.« »Tschirisch!« schrie er auf. »Willst Du mir Etwas aufbinden?« »Nein.«
»Das bilde Dir auch nicht ein!«
»O, wenn ich nur wollte!« lachte ich.
»Was! Ich bin ein Gelehrter!«
»Ich auch.«
»Was hast Du studirt?«
»Alles!« antwortete ich kurz genug.
»Und ich noch dreimal mehr! Ich kenne sogar das erste Dispensatorium von Sabur Ibn Saheli!«
»Und ich habe das ganze Bahr el Dschewahir von Abd al Medschid im Kopf!«
»Ich habe es nicht bloß im Kopf, sondern im ganzen Leib und in allen Gliedern. Ein Verband von Gyps oder gar Kleister! Gyps ist Mehl, und Kleister ist weich und flüssig. Ein Verband muß aber fest sein.«
»Gyps und Kleister werden fest. Du wirst Dich wundern. Überhaupt darf der Verband jetzt noch gar nicht angelegt werden. Erst muß ich Umschläge machen, bis die Geschwulst sich gesetzt hat und die Schmerzen sich gemildert haben. Verstanden?«
»Allah! Du redest ja wie ein Arzt!«
»Ich verstehe es auch!«
»Nun, so renke Dir Deine Knochen selber ein, wenn Du sie Dir ausgerenkt hast. Warum ließest Du mich holen?«
»Um Dir meine Zunge zu zeigen.«
»Da ist eine Rinderzunge größer und imponirender. Das merke Dir! Mein Besuch kostet zehn Piaster. Du bist ein Fremder und zahlst also doppelt. Verstanden?«
»Hier hast Du zwanzig Piaster. Komme mir aber ja nicht wieder!«
»Fällt mir gar nicht ein! Ich habe an diesem einen Mal genug.«
Er warf das Geld in einen Schlitz seines Kaftans, hing sich den Korb wieder über die Schulter und ging an die Thüre. Dort fuhr er in die Pantoffeln und wollte eben, ohne mich eines Abschiedsgrußes zu würdigen, zur Thüre hinaus, als Omar eintrat, mit einem Gefäß in der Hand.
Der Arzt blieb stehen, betrachtete den Inhalt des Gefäßes und fragte:
»Was hast Du da?«
»Altschy - Gyps.«
»Ah, das ist also der Gyps, aus welchem die Schienen gemacht werden sollen? So ein Delilik, so ein Medschnuniet; das ist doch so im höchsten Grade maskara, daß nur ein Übergeschnappter daran denken kann!«
Noch hatte Omar die Thüre offen, unter deren Öffnung er stand. Jetzt zog er sie hinter sich zu, daß der Arzt ja nicht hinaus könne, setzte das Gefäß auf den Boden nieder, faßte den dicken Mediziner hüben und drüben bei den Armen und fragte:
»Du, Molch, wer bist Du denn eigentlich?«
»Ich bin der Arzt, verstanden!«
»Na, Du magst auch ein schöner Pflasterstreicher sein! Was hast Du denn da von Verrücktheit, Unsinn und Lächerlichkeit zu reden? Unser Effendi hat den Gyps verlangt; er braucht ihn und er weiß stets, was er thut. Tausend solche Wänste wie Du haben nicht so viel Klugheit in ihren leeren Köpfen, wie bei ihm an der Spitze eines seiner Haare klebt. Wenn Du ihn mit solchen Worten beleidigst, so kannst Du sehr leicht in den Quark zu sitzen kommen! Dir sieht man es ja gleich an, daß die Dummheit Deine Mutter ist!«
Das war dem Mann der Wissenschaft wohl noch nie passirt. Er riß sich von Omar los, trat einige Schritte zurück, holte tief Athem und platzte los, als ob seine Lunge mit Pulver geladen gewesen sei:
»Soll ich Dir etwa hier mit meiner Boneta das - das lose Maul stopfen? Hier hast Du sie, Du Sohn eines Affen, Du Enkel und Urenkel eines Pavian!«
Er riß sich die Mütze vom Kopf, ballte sie zusammen und warf sie Omar in das Gesicht. Dieser ergriff sie, langte mit der anderen Hand in sein Gefäß, füllte sie mit Gypsmehl und sagte:
»Da hast Du den Deckel Deines durchlöcherten Verstandes wieder!«
Und er warf ihm die mit Gyps gefüllte Mütze in das vor Zorn hochrothe Angesicht. Der Gyps flog aus dem Fez heraus, und im nächsten Augenblick sah der Arzt aus, wie ein aus weißem Pfefferkuchen gekneteter Weihnachtsmann. Das Gypsmehl war ihm in die Augen gerathen. Er wischte und wischte, stampfte dabei mit den Füßen, verlor die Pantoffeln, schrie, wie wenn er am Spieß steckte, und riß endlich, als er wieder sehen konnte, den Riemen seines Korbes über den Kopf von der Achsel herab und wollte den Korb Omar an den Kopf werfen. Dieser aber war darauf vorbereitet und fing den Korb auf; dabei öffnete sich der Deckel, und der ganze Inhalt kollerte zu Boden: Zangen, Scheeren, Spateln, Pincetten, Schachteln und allerlei anderes Zeug, dabei natürlich das Hauptinstrument, dessen sich ein orientalischer Arzt bedient, die Klystierspritze.
Der gewandte Araber bückte sich schnell und begann den Doctor mit diesen Gegenständen zu bombardiren. Dieser konnte in seiner Wuth zu keinem andern Entschlusse kommen, als das Recht der Vergeltung zu üben. Er hob die einzelnen Gegenstände, welche von seinem Körper zur Erde fielen, wieder auf und schleuderte sie mit aller Gewalt auf Omar zurück, indem er sie mit den Geschossen von Schimpfwörtern begleitete, in denen er Virtuose zu sein schien und welche gar nicht wiedergegeben werden können.
Dieses Bombardement machte einen so komischen Anblick, daß wir Andern unwillkürlich in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Dieses wurde draußen im Hof vernommen und lockte den Wirth nebst dessen Leuten herbei, welche angesichts des sonderbaren Zweikampfes in unser Gelächter einstimmten.
Nun kam Halef auf den Gedanken, seinem Freund und Gefährten zu Hülfe zu kommen.
»Sihdi, tu' den Fuß aus dem Wasser!« sagte er. Bei diesen Worten hatte er auch schon mein Bein erfaßt und hob es empor. Er ergriff das Gefäß und eilte damit nach der Thüre, um dem Arzt die Flucht abzuschneiden. Dann raffte er die Klystierspritze vom Boden auf und begann den Dicken so eifrig und sicher zielend anzupusten, daß derselbe in wenigen Augenblicken triefte, wie ein begossener Pudel.
»Schön, herrlich, prächtig!« rief Omar. »Jetzt soll er auch den ganzen Gyps zu kosten bekommen. Spritze nur wacker, Halef!«
Er ergriff das Gefäß und schüttete das Gypsmehl über sein Opfer aus, während Halef für die nöthige Bewässerung sorgte.
Ich wollte Einhalt thun, kam aber vor Lachen gar nicht dazu, denn der Arzt bot einen Anblick, der nicht anders als ›schauderhaft-schön‹ zu bezeichnen war. Selbst der galligste Melancholikus hätte hier in die Lustigkeit einstimmen müssen. Die Zuschauer schüttelten sich vor Lachen.
Am meisten lachte der Wirth. Er war nicht groß, hatte schmale Schultern, ein ansehnliches, spitzes Bäuchlein und ein Paar dünne Beinchen, welche den Leib nur mit Mühe zu tragen vermochten. Sein Stumpfnäschen und sein breiter Mund mit den weißen Zähnen paßten ungemein zu dem lustigen Gebaren. Er hatte die Hände gefaltet und unter den wackelnden Bauch gelegt, um denselben zu stützen. Die Thränen standen ihm in den Augen. Er krähte förmlich vor Entzücken, rief aber ein über das andere Mal:
»Hai, wai, tenim, wüdschudüm, karnim, midim, dschyjerim, dallakim, böbrekim, wai hazmim, sindirmim - o wehe, o wehe, mein Leib, mein Leib, mein Bauch, mein Magen, meine Leber, meine Milz, meine Nieren! O wehe, meine Verdauung, meine Verdauung! Patlamarim, patlamarim - ich zerplatze, ich zerknalle!«
Er sah auch ganz so aus, als ob seine Haut die erschütterten Körpertheile nicht mehr zusammenhalten könne.
Der Jünger Äskulap's hatte sich in die Ecke geflüchtet. Dort stand er und hielt die Ärmel seines Kaftans vor das Gesicht; aber unter diesen Ärmeln heraus schrie, zeterte und schimpfte er mit unversieglicher Kraft. Als die Spritze nicht mehr ziehen wollte, nahm Halef das Gefäß und schüttete ihm den ganzen Inhalt desselben über den Kopf mit den Worten:
»So muß es einem Jeden ergehen, der unsern Effendi einen Übergeschnappten nennt. Osco, hole wieder Wasser herein, daß der Sihdi seinen Fuß kühlen kann. Diesen klugen Mann des Pflasters, der Salben und der hölzernen Beinschienen aber wollen wir hier auf diesen Stuhl setzen, um ihm das Antlitz abzuputzen. Halte still, Freundchen, sonst schabe ich Dir Dein Näschen mit herunter!«
Er hatte den Doctor auf den Stuhl gezogen, dann hob er ein hölzernes Spatel vom Boden auf und begann ihm den Gyps aus dem Gesicht zu barbiren. Was er herunterbrachte, strich er ihm in die Ohren, und dabei verfuhr er sehr gemächlich.
Der Barbirte ließ es sich gefallen, schimpfte dabei aber immer weiter. Je mehr seine Zunge von dieser Anstrengung ermüdete, desto gröber wurden die Brocken, die sie über die Lippen stieß. Er brachte die ungeheuerlichsten Beleidigungen zum Vorschein und schien dennoch der Ansicht zu sein, damit noch nicht genug zu thun.
Der Gyps erhärtet bekanntlich sehr schnell; schon nach einigen Minuten wird er zur steinharten Masse. Hier ging dies um so schneller, je rascher die Kleider die Feuchtigkeit aufsaugten. Erst als der Überzug vollständig weiß aussah und fest geworden war, hielt Halef mit dem Schaben inne.
»So!« sagte er. »Ich habe Dich gereinigt, denn man soll selbst dem Feind nur Gutes erweisen. Aber mehr kannst Du nicht verlangen. Deine Sachen magst Du Dir selbst zusammenlesen, um sie in den Korb zu thun. Stehe auf! Die Kur ist beendet.«
Der Dicke wollte sich von dem Stuhl erheben, fand aber, daß sein Gewand so steif geworden war, daß es ihn hinderte. Das war auch ein Grund gewesen, daß ich dem Übermuth nicht Einhalt gethan hatte. Die Möglichkeit, den Gyps zum Verbande zu verwenden, wurde ihm dadurch ad oculos demonstrirt.
»Ich kann nicht aufstehen, ich kann nicht aufstehen!« rief er, indem er alle zehn Finger weit aus einander spreizte. »Mein Kaftan ist wie Glas, mein Kaftan zerbricht!«
Halef faßte den Fez bei der Cigarrenbändertroddel, nahm ihm denselben vom Haupt, auf welches er ihn vorhin wieder gestülpt hatte, hielt ihm die Mütze vor die Augen und sagte:
»Siehe, das ist die würdige Bedeckung Deines gelehrten Hauptes. Wie gefällt sie Dir?«
Der Fez bildete jetzt ein hartes, weißes, glockenförmiges Ding, welches genau die Form des Schädels angenommen hatte. Es war zu spaßhaft!
»Meine Mütze, meine Mütze!« rief der Dicke. »Sie hat seit meiner Jugend auf meinem Haupt gesessen, und nun wird die Ehre ihres Alters und die Würdigkeit ihrer hohen Tage von Euch Müflüslar entweiht! Gib sie her!«
Er wollte nach ihr greifen. Als er den Arm erhob, begann der Gyps seines Ärmels zu brechen.
»O jazik, o jazik, - o wehe, o wehe!« schrie er. »Da geht das Heil meines Armes und die Gediegenheit meiner Extremitäten verloren! Was soll ich thun! Ich muß fort. Meine Patienten warten auf mich.«
Er wollte sich erheben; aber als der Kaftan abermals zu prasseln begann, sank er schnell wieder zurück.
»Habt Ihr es gesehen? Habt Ihr es gehört?« fragte er in weinerlichem Ton. »Die Umrisse meiner Gestalt und die Linien meines Körperbaues bröckeln ab. Ich fühle, daß auch mein Inneres in Brocken zerfällt. Die Zierlichkeit des Ebenmaßes ist verschwunden, und die weiche Rundung der Taille hat sich in schauerliche Falten gelegt. Ihr habt mich zu einer Gestalt ohne Ansehen und zu einem Mann ohne Lieblichkeit gemacht. Die Bewunderung meiner Beschauer wird sich in Lachen und das Wohlgefallen ihrer Blicke in Spott verwandeln. Auf der Gasse wird man mit den Fingern auf mich zeigen, und im Gemach meiner Theuersten wird die Zärtlichkeit über den Verlust meiner Vorzüge klagen. Ich bin ein geschlagener Mann und kann mich nur gleich hinaus auf das Mezarlyk schaffen lassen, wo die Sakym söjüd ihre Thränen weint. O Allah, Allah, Allah!«
Sein Zorn hatte sich in Wehmuth verwandelt. Der Verlust seiner Eleganz ging ihm nahe. Schon wollte man ihm durch erneutes Lachen antworten, da gebot ich durch eine Armbewegung Schweigen und antwortete ihm:
»Jammere nicht, Hekim! Deine Trauer wird sich in Freude verwandeln, denn Du hast hier Gelegenheit gefunden, eine für Dich hochwichtige Erfahrung zu machen.«
»Ja, diese Erfahrung habe ich gemacht; aber wichtig ist sie nicht für mich. Ich habe erfahren, daß man sich nicht mit Leuten abgeben soll, welche keine Bildung besitzen.«
»Meinst Du etwa, daß sie bei Dir zu finden sei, Hekim?«
»Ja, denn ich bin der Mann, der die kranken Leiber heilt und die müden Herzen erfrischt. Das ist die wahre Bildung.«
»Du bist der Mann, der dem Patienten sagt, daß seine Zunge nicht so imponirend sei, wie diejenige eines Rindes. Wenn Du das Bildung nennst, so bist Du freilich ein hochgebildeter Gelehrter. Wie Du übrigens meiner Zunge ansehen willst, ob die Verrenkung meines Fußes gefährlich sei oder nicht, das begreife ich nicht.«
»Du wirst in Deinem Leben noch sehr wenig begriffen haben. Das sehe ich Dir an. Jedenfalls begreifst Du auch nicht, daß Ihr mich in eine Lage gebracht habt, welche meiner Ehre schadet und mein Ansehen im Lande begräbt.«
»Nein, das begreife ich allerdings nicht.«
»So ist Deine Klugheit so kurz wie eine Kan sudschuki, Deine Dummheit aber so lang wie die Mötewazilar, die man um die Erde zieht. Und dennoch rümpfst Du die Nase und sitzest da mit einem Gesicht und führst Reden, als ob Du ein Müderris aller möglichen Weisheiten seiest.«
»Dir gegenüber bin ich auch ein Professor gewesen, denn ich habe Dir praktischen Unterricht in der Lehre des Verbandes gegeben.«
»Davon habe ich freilich kein einziges Wort vernommen.«
»Ich sprach von einem praktischen Unterricht; da war vom Sprechen keine Rede. Was Du jetzt gelernt hast, das kann Dich zum berühmtesten Hekim aller Länder machen, welche der Padischah beherrscht.«
»Willst Du mich auch noch verspotten? Wenn Du wirklich so weise bist, wie Du behauptest, so gib mir einen guten Rath, wie ich aus der Schale des Gypses herauskommen kann.«
»Davon nachher! Du hast mich ausgelacht, als ich Dir sagte, daß man aus Gyps einen Verband herstellen könne, und doch ist derselbe der allerbeste, den es gibt. Du ließest mich nicht zu Wort kommen, darum bist Du durch die That belehrt worden. Greif' Deinen Kaftan an! Vorher war er weich, jetzt ist er hart und fest wie Stein, so hart, wie ein Verband sein muß, wenn er dem Glied Halt verleihen soll. Merkst Du noch nichts?«
Er zog die Brauen empor und blickte mich nachdenklich an. Ich fuhr fort:
»Wenn Du ein gebrochenes Bein schienest, so werden die Schienen das Glied sehr belästigen, weil sie sich nicht der Form desselben anbequemen. So ein Verband taugt nichts.«
»Aber es gibt keinen andern Verband. Die größten Ärzte des Reiches haben sich ihre Köpfe vergebens zerbrochen, um einen Verband zu finden, welcher fest ist und doch sich an die Form des Gliedes schmiegt. Ich selbst besitze ein Buch, dessen Titel lautet: Schifa kemik kyryklarin. Da ist zu lesen, daß man diese Brüche nur mit Schienen behandeln kann.«
»Wer ist denn der Verfasser des Buches?«
»Der berühmte Arzt Kari Asfan Zulaphar.«
»Nun, der hat vor fast zweihundert Jahren gelebt. Damals mag er Recht gehabt haben, jetzt aber würde man ihn auslachen.«
»O, ich lache ihn nicht aus.«
»So passen Deine Kenntnisse und Ansichten nur für jene Zeit, nicht aber für die heutige. Es gibt jetzt noch ganz andere Verbände. Hast Du vorhin den Fez betrachtet, welcher jetzt wieder Dein Haupt beschützt?«
»Warum soll ich ihn nicht angesehen haben? Diese kleine giftige Kröte hat ihn mir ja nahe genug an die Nase gehalten.«
»So sage, welche Form er angenommen hat.«
»Diejenige meines Kopfes.«
»Und zwar ganz genau. So ist es auch mit einem jeden anderen Glied. Wenn ich den Arm gebrochen habe und mir ihn einrichten lasse, so umwickle ich ihn zunächst mit einem dünnen Zeugstoff. Diesen tränke ich sodann mit Gyps, den ich in Wasser aufgelöst habe, mache darüber noch mehrere Umwickelungen, deren jede ich abermals mit Gyps tränke. Wenn dieser dann trocken und hart geworden ist, so habe ich einen Verband, welcher sehr fest ist und genau auf die Form des Armes paßt.«
»Ah - oh - aah!« stieß er hervor, erst mich eine Weile anstarrend und sodann sich an Halef wendend: »Gib mir rasch noch einmal meine Mütze herab!«
Der Hadschi that ihm den Gefallen und hielt sie ihm vor die Augen, indem er sie nach allen Seiten drehte.
»Noch besser ist's,« fuhr ich fort, »wenn man das Zeug gleich mit dem nassen Gyps tränkt und es erst dann um das Glied windet. Und damit es dann, wenn der Gyps erhärtet ist, das kranke Glied nicht drückt, so bringt man zuvor eine Lage Pambuk an. Dann ruht das Glied weich in dem festen und ganz genauen Verband.«
Wieder sah er mich an und rief endlich aus:
»Allah, Allah! Nazik idschad bulma, azametli keschf! - Allah, Allah, köstliche Entdeckung, herrliche Erfindung! Ich laufe, ich eile; das muß ich mir aufschreiben!«
Er sprang auf, ohne auf die Steifheit seines Kaftans zu achten, und sprang zu der Thüre.
»Warte, warte! Nimm Deinen Korb der Werkzeuge mit!« rief Halef. »Und setze zuvor Deine Mütze auf!«
Der Arzt blieb stehen. Er bot einen köstlichen Anblick. Der Gyps brach kreuz und quer und bröckelte von ihm herab. Der Kaftan wollte nicht aus den Brüchen und Falten, nicht aus der Haltung, die er während des Sitzens eingenommen hatte. Der hintere untere Theil starrte nach vorn und hinderte am Gehen. Da kehrte der Dicke dem kleinen Hadschi den Rücken zu, hielt ihm die Arme nach hinten hin und sagte:
»Zieh' an den Ärmeln! Ich muß heraus!«
Halef faßte an und hielt ihn fest. Der Äsculap zog und zog und drängte und schoß endlich mit solcher Gewalt aus dem gegypsten Kleidungsstück heraus, daß er an die Thüre flog und, da er sie schon aufgeklinkt gehabt hatte, durch sie hinaus in den Hof schoß.
»Tekrar gelirim, tekrar gelirim, schimdi tekrar gelirim - ich komme wieder, ich komme wieder, ich komme gleich wieder!« schrie er, indem er zu Boden stürzte, sich schnell wieder aufraffte und dann forteilte.
Die Begeisterung für den Verband hatte ihn ergriffen. Er mußte nach Hause, um sich meine Anweisung zu notiren. Daß er die Pantoffeln, den Kaftan, den Fez sammt dem Instrumentenkorb zurückgelassen hatte und nun barhäuptig durch die Straßen rannte, das focht ihn nicht an.
Er war jedenfalls mit Leib und Seele bei seinem Beruf, hatte aber leider weiter nichts lernen können, als was Andere wußten, die - - nichts wußten.
Nun galt es, die Stube zu säubern. Der steife Kaftan ward über die Stuhllehne gehängt, und man sammelte die Instrumente. Dann wurde mir mein Stübchen hergerichtet. Osco hatte mir längst wieder Wasser gebracht, und ich bemerkte zu meiner Freude, daß die Geschwulst sich minderte. Schmerz fühlte ich gar nicht mehr. Später ließ ich mich in meine Kammer tragen und auf das bereitete Lager betten. Ich machte Umschläge und wollte dann am Abend den Verband anlegen. Dazu war nun allerdings Watte, Gaze und wieder Gyps zu holen.
Als ich ungefähr drei Stunden gelegen hatte, hörte ich durch die Thüre die Stimme des Arztes.
»Wo ist der Effendi?«
»Da in der kleinen Stube,« vernahm ich Halef's Antwort.
»Melde mich an!«
Halef öffnete die Thüre, und der Arzt kam herein, aber wie!
Er war wie ein Bräutigam gekleidet. Ein blauseidener Kaftan umhüllte den Leib bis herab zu den Füßen, welche in feinen Saffianpantoffeln steckten, und das Haupt war geschmückt mit einem blau und weiß gestreiften Turban, an welchem eine Granatagraffe glänzte. Seine Miene war feierlich, und sein Gang überaus würdevoll. Unter der Thüre blieb er stehen, kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich tief und sagte:
»Effendim, japarim ziaret schükürün ittibarün - mein Effendi, ich mache Dir die Visite des Dankes und der Hochachtung. Girisch bana ruchsat wer - erlaube mir, einzutreten!«
Ich neigte feierlich mein Haupt und antwortete:
»Jaklaschdyr, chosch sen - tritt näher, Du bist willkommen!«
Er machte drei kleine Schritte, räusperte sich und hob an:
»Effendim, Dein Kopf ist die Wiege des Menschenverstandes, und Dein Gehirn beherbergt das Wissen aller Völker. Dein Geist ist scharf wie die Schneide eines Rasirmessers und Dein Nachdenken so spitz wie die Nadel, mit welcher man einen bösen Schwären öffnet. Darum hattest Du das Kismet, die große Frage zu lösen, wie die Brüche, Verstauchungen und Verrenkungen zu behandeln sind. Dein Mirafet hat alle Sphären durchmessen und alle Gebiete der Wissenschaft durchforscht, bis es auf den schwefelsauren Kalk gekommen ist, welcher von unwissenden Barbaren Gyps genannt wird. Du hast Wasser dazu gethan und ihn umgerührt, damit er seines Krystalles beraubt werde und auf Leinwand gestrichen werden kann, die man um die Gelenke, Knochen und Röhren wickelt, um denselben Halt zu geben, wenn sie dessen bedürfen. Dadurch wirst Du im Laufe der Zeit Millionen von Beinen und Armen vor Verkrümmung und Verunstaltung bewahren, und die Professoren der Zukunft werden Piaster sammeln, um Dir ein Denkmal zu erbauen, auf welchem Dein Kopf in Stein ausgehauen oder Deine Gestalt in Erz gegossen ist. Auf der Platte des Denkmals wird Dein Name in goldener Schrift glänzen. Bis dahin aber soll er in meinem Buche der Notizen stehen, und ich bitte Dich, ihn mir zu nennen, damit ich ihn aufschreiben kann.«
Er hatte das feierlich, im Deputationston gesprochen. Leider bestand die Deputation nur aus ihm allein.
»Ich danke Dir!« erwiderte ich ihm. »Die Wahrheitsliebe gebietet mir, Dir mitzutheilen, daß nicht ich es bin, der die große Erfindung gemacht hat. In meinem Vaterland ist sie so verbreitet, daß alle Ärzte und Laien sie kennen. Willst Du Dir den Namen des Erfinders aufschreiben, so sollst Du ihn erfahren. Der gelehrte Mann, dem so viele Leute ihre Wohlgestalt zu verdanken haben werden, hieß Mathysen und war ein berühmter Dscherrah im Lande Filemenk. Ich habe Deinen Dank nicht verdient, aber es freut mich sehr, daß die Erfindung Dir gefällt, und ich hoffe, daß Du sie fleißig in Anwendung bringen wirst.«
»Daß ich fest entschlossen bin, sie in Anwendung zu bringen, werde ich Dir beweisen. Aber den Dank darfst Du nicht ablehnen. Wenn Du auch nicht der Erfinder selbst bist, so hast Du doch diese unvergleichliche Wohlthat hier eingeführt. Ich werde des heutigen Tages nicht vergessen und habe zu meiner Freude gesehen, daß mein Kaftan noch vorhanden ist. Er soll von nun an meine Mostra sein, und ich werde ihn neben der Thüre meines Hauses aufhängen, damit Alle, die gebrochene Glieder haben, zu ihrer Beruhigung sehen, daß ich sie mit schwefelsaurem Kalk einwickele. Ich habe bereits versucht, wie es zu machen ist, und bitte Dich, mein Werk in Augenschein zu nehmen, um mir mein Imtihan zu geben. Willst Du das?«
»Sehr gern!« antwortete ich.
Er trat an die Fensteröffnung und klatschte in die Hände. Die Thüre zur großen Stube ward geöffnet, und ich hörte schwere Tritte.
»Hier herein!« gebot er.
Zunächst erschienen zwei Männer, welche einen großen Kübel trugen, der bis an den Rand mit flüssigem Gyps gefüllt war. Der Eine hatte einen Vorrath von Watte, welcher ausgereicht hätte, zehn Personen einzuwickeln, und der Andere hielt einen Pack Kattun in der Hand. Sie legten ihre Lasten ab und entfernten sich.
Als dadurch Platz entstanden war, kamen abermals zwei Männer herein, welche eine Bahre trugen. Darauf lag ein bärtiger Mensch, dessen Leib bis an den Hals zugedeckt war. Sie setzten die Bahre nieder und gingen dann hinaus.
»Hier sollst Du die ersten Verbände sehen, welche ich anlegte,« begann der Arzt. »Ich habe mir das Material gekauft und diesen Ischdschi kommen lassen, um mir als Kalyb zu dienen. Er bekommt für den Tag zehn Piaster und die Kost. Erlaube, daß ich das Tuch wegnehme, und betrachte Dir den Patienten.«
Er entfernte die Hülle. Als mein Blick auf das Modell fiel, mußte ich an mich halten, um nicht herauszuplatzen. O Allah, sah der Mensch aus! Der Dicke hatte sich alle möglichen Brüche und Luxationen gedacht und den armen Kerl entsprechend eingegypst. Aber wie!
Die Achseln, die Ober- und Unterarme, die Ober- und Unterschenkel, sogar die Hüften steckten in Gypsüberzügen, die sicher eine Hand breit dick waren. Auch der Brustkasten war mit einem Panzer versehen, durch welchen eine Pistolenkugel nur schwer hätte dringen können.
Der Mann lag da wie ein wirklicher Patient, welcher dem Tode nahe ist. Er konnte sich nicht bewegen; ja, er konnte kaum Athem holen. Und das Alles für ungefähr achtzehn Groschen pro Tag. Pro Tag! Da war ja das Heitere bei der Sache. Also Tage lang sollte er die Verbände tragen, und wozu?
»Wie lange willst Du dieses Experiment währen lassen?« fragte ich.
»So lange, bis er es nicht mehr aushalten kann. Ich will die Wirkung studiren, welche der schwefelsaure Kalkverband auf die verschiedenen Körpertheile hat.«
»An einem Gesunden? Die einzige Wirkung wird die sein, daß er es nicht lange aushalten kann. Was ist denn mit seiner Brust geschehen?«
»Er hat fünf Rippen gebrochen, rechts zwei und links drei.«
»Und mit den Achseln?«
»Die Schlüsselbeine sind entzwei.«
»Und wie steht's mit den Hüftgelenken?«
»Er hat sich beide Kugeln ausgefallen. Nun aber fehlt noch eins: nämlich der Unterkiefer hat sich ausgehakt, und nun ist ein Aghyz atschylysü eingetreten. Wie man das mit Gyps verbindet, weiß ich nicht und werde das nun nach Deiner Anweisung thun.«
»O Hekim, das wird ja nie verbunden!«
»Nicht? Warum?«
»Hat man die Verrenkung des Unterkiefers eingerichtet, so ist die Sperre vollständig beseitigt und es bedarf des Gypses nicht.«
»Gut! Wenn es Dir beliebt, so wollen wir annehmen, daß ihm der Mund wieder zugefallen ist.«
»Sei so gut und mache auch seine Rippen frei! Er schnappt ganz angstvoll nach Luft.«
»Wie Du willst; ich werde mir von dem Wirth das Werkzeug holen.«
Sehr neugierig war ich, was er bringen werde. Bei seiner Rückkehr war ich eben beschäftigt, einen Umschlag um den Fuß zu legen, und sah erst empor, als ich Hammerschläge hörte.
»Um Gottes willen, was machst Du denn? Was hast Du in den Händen?«
Ich konnte es nämlich nicht sehen, weil er mir den Rücken zukehrte.
»Tschekidsch ile kalemkiarlyk - Hammer und Meißel,« antwortete er unbefangen.
»Da wirst Du ihm in Wirklichkeit die Rippen zerschlagen oder ihm den Meißel in die Brust treiben.«
»Ja, was nimmt man denn?«
»Schere, Messer oder eine passende Säge, je nach der Stelle und Stärke des Verbandes.«
»Die Knochensäge befindet sich in meinem Korb, und ich werde sie holen.«
»Bringe meinen kleinen Gefährten mit herein. Der mag Dir helfen, da ich es nicht kann.«
Als Halef kam, genügten einige Winke, und er machte sich über die Gypskrusten her, obgleich der Arzt dagegen protestirte. Es war eine harte Arbeit, und es dauerte so lange, bis das ›Modell‹ von allen Verbänden befreit war, daß inzwischen Licht angezündet werden mußte, denn es war Nacht geworden. Der arme Kerl, welchem der Arzt nebst allen möglichen Brüchen und Verrenkungen auch noch die Mundklemme hatte aufzwingen wollen, hatte nicht ein einziges Wort gesprochen. Als aber der letzte Verband entfernt war, sagte er zu mir:
»Ich danke Dir, Herr!«
Ein Sprung, und er war hinaus.
»Halt!« schrie der Dicke ihm nach. »Ich brauche Dich ja noch! Es geht wieder los!«
Aber dieser Ruf blieb vergeblich.
»Da läuft er hin! Was thue ich nun mit dem schönen Gyps, mit der Watte und dem Baumwollenstoff?«
»Laß ihn laufen!« antwortete ich. »Was hast Du denn gedacht? Mit dem Inhalt dieses Kübels kannst Du zwei Häuser angypsen. Einen kleinen Theil davon kann ich brauchen, und ich glaube, daß es nun Zeit sein wird, mich zu verbinden.«
»Schön, schön, Effendim! Ich werde gleich beginnen.«
»Langsam, langsam! Verfahre genau nach meiner Anweisung!«
Der Mann war Feuer und Flamme. Während des Verbindens erzählte er mir von den unglaublichen Kuren, die er schon ausgeführt hatte. Als wir fertig waren, meinte er:
»Ja, das ist freilich etwas ganz Anderes! Ich werde nun den Versuchs-Patienten wieder holen und ihn dann morgen Dir herschaffen lassen.«
»Und wann willst Du ihn verbinden?«
»Heute Abend noch.«
»O Allah! Da soll er bis morgen liegen? Du wirst ihn tödten. Wenn Du Dich an ihm üben willst, so darfst Du es nicht an allen Gliedern zugleich thun, sondern nur an einem einzigen, und sodann mußt Du den Verband auch sofort wieder abnehmen, wenn er erstarrt ist. Merke Dir übrigens auch, daß man in den Verband Fenster schneiden kann.«
»Wozu?«
»Zur Besichtigung und Behandlung einzelner Stellen. Du hast keinen Lehrer, der Dich darinnen unterrichtet, und auch kein Buch zum Studium. Du mußt also selbst nachdenken und Versuche machen.«
»Effendim, bleibe da und gib mir Unterricht! Alle Ärzte dieser Gegend werden Deine Schüler sein.«
»Ja, und wir Andern geben uns als Modelle dazu her!« lachte Halef. »Das fehlte noch! Du hast genug gelernt an diesem Nachmittag; nun sieh' zu, wie Du Dir weiter hilfst.«
»Wenn Ihr keine Zeit dazu habt, so muß ich auf den Unterricht verzichten. Und es ist wahr, ich habe heute sehr viel gelernt und weiß gar nicht, wie ich dankbar sein soll. Geld wirst Du nicht nehmen. So will ich Dir ein Fikri geben, Effendim; Du wirst Dich darüber freuen.«
»Was ist es denn?«
»Mehrere Gläser mit Spiritus und allen Arten von Baghyrsak kurtlari, an denen ich sehr große Freude habe. Dir aber gönne ich sie von Herzen.«
»Ich danke Dir! Die Gläser würden mir während der Reise nur unbequem werden.«
»Das thut mir leid; aber Du sollst dennoch sehen, daß ich Dir dankbar bin. Ich gebe Dir das Liebste, was ich besitze: ein Kemik schaschi. Ich habe die Knochen selbst abgeschabt, gekocht, gewässert und gebleicht.«
»Auch dafür muß ich leider danken.«
»Willst Du mich beleidigen?«
»Gewiß nicht. Du siehst ein, daß ich kein Skelett zu mir auf das Pferd nehmen kann.«
»Das ist freilich wahr. So erlaube mir wenigstens, daß ich Dir die Hand recht herzlich drücke.«
Der Hekim war, wie die meisten dicken Leute, im Grund ein ganz gemüthlicher Mann. Er besaß Lernbegierde und Dankbarkeit und hatte sich seit dem Nachmittag sehr geändert. Er fühlte sich ganz glücklich, als ich ihn einlud, unser Abendmahl mit uns einzunehmen, und verabschiedete sich nach demselben mit einer Herzlichkeit, als ob wir alte, gute Freunde gewesen.
Seine Träger hatten so lange warten müssen und schleppten dann ihre Lasten wieder fort. Anstatt des ›Modelles‹ aber lag der Instrumentenkorb und der steife Kaftan, den er als Firmenschild benutzen wollte, auf der Bahre.
Der übrige Theil des Abends verlief unter Gesprächen darüber, was wir am nächsten Tag beginnen sollten. Ich war entschlossen, trotz meines Fußes abzureisen, denn wir durften den vier Männern, welchen wir folgten, keinen so bedeutenden Vorsprung lassen, daß wir ihre Spur verlieren konnten.